Author Topic: German reviews  (Read 6443 times)

Offline monicita

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German reviews
« on: Mar 11, 2006, 08:45 AM »
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monicita
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Re: German reviews
« Reply #1 on: Mar 11, 2006, 08:51 AM »
Here goes the review I wrote for the weekly newspaper ak (Analyse und Kritik):

Liebe zwischen Cowboys
Brokeback Mountain zeigt Auswirkungen von Homophobie in den USA

Es ist nur ein Film. Aber dieses 138-Minuten Epos, das als Western beginnt, dann zur klassischen, tragischen Liebesgeschichte wird und letztendlich eine minutiöse Untersuchung der zerstörerischen Auswirkungen von Homophobie ist, bestimmt seit Monaten Diskussionen in Zeitungen, Fernsehshows und Internetforen in den USA. Und gewinnt einen Filmpreis nach dem anderen, zuletzt drei Oscars, auch wenn Hollywood dann doch vor dem Oscar für den besten Film zurückschreckte.

Was bewegt Menschen an diesem Film? Auf der offiziellen Website und auf anderen Foren erzählen unzählige Menschen ihre eigene Geschichte: Wie es ist, im mittleren Westen oder anderen ländlichen Gegenden der USA aufzuwachsen, zu heiraten, ein ganz „normales“ Leben zu führen und niemals offen die Liebe zu einem anderen Mann oder einer anderen Frau leben zu können. Herzzerreißende Geschichten von verpassten Gelegenheiten, unerfüllter Sehnsucht und ständiger Angst erwischt und geoutet zu werden. Diese Angst, die Ausweglosigkeit und Armut eines solchen Lebens, sind zentrale Themen von Brokeback Mountain.

Die Filmhandlung beginnt 1963, wo die Cowboys Ennis del Mar und Jack Twist sich beim Schafe hüten in den Bergen Wyomings näher kommen. Natürlich würden sie niemals von Liebe sprechen und auch über ihren Sex reden sie nur in Andeutungen. Denn sie kommen aus einer durch und durch heterosexistischen und homophoben Welt, wo für das, was zwischen ihnen ist, keine Worte und Gesten existieren. In einer Schlüsselszene nach ihrer ersten gemeinsamen Liebesnacht bestätigen sie sich gegenseitig, dass sie nicht schwul sind, und dass das, was zwischen ihnen ist, niemanden etwas angeht. Als sie sich nach ihrem Sommer auf dem Berg trennen, ist klar, dass Ennis seine Verlobte heiraten wird, und Jack sein Glück als Rodeocowboy in Texas versuchen will. Sie treffen sich vier Jahre später wieder, beide verheiratet und etabliert – wenn das für Ennis auch nur ein mageres Auskommen als Ranchgehilfe bedeutet – und können über zwanzig Jahre hinweg weder wirklich zusammen kommen, noch voneinander lassen.

Annie Proulx wollte mit ihrer pulitzerpreisgekrönten Kurzgeschichte, auf der das Drehbuch beruht, die Auswirkungen der Homophobie in ihrem Heimatstaat Wyoming untersuchen. Die große Leistung des Films ist es, zu zeigen, wie die um sie herum existierende Homophobie  von den  Protagonisten internalisiert wird und ihr Leben ebenso zerfrisst, wie das ihrer Familien. Besonders beeindruckend ist Heath Ledgers Darstellung von Ennis del Mar als einem Mann, der im Laufe der zwanzig Jahre über die sich der Film erstreckt, immer mehr versteinert und dessen Gefühle sich nur in einigen wenigen Momenten der Verzweiflung oder der Gewalt Bahn brechen.

Der Film nimmt den Mythos des Cowboys, und untersucht ihn auf die in und hinter ihm versteckten Sehnsüchte. Die beiden Protagonisten sind diesem Mythos verfallen, der auch und vor allem ein Männlichkeitsmythos ist. Was tut es zur Sache, dass sie, wenig heroisch und schlecht bezahlt, Schafe hüten. In ihren über die zwanzig Jahre immer wieder als „Fishing Trips“ getarnten Treffen, suchen sie den Hauch von Freiheit und Abenteuer, den sie in ihrem ersten gemeinsamen Sommer erlebt haben, und können ihrem ungeliebten Alltag doch nie wirklich entkommen. Brokeback Mountain beleuchtet die verschiedenen mythologischen Aspekte des Westens der USA: Bergeinsamkeit und Lagerfeuerromantik; Männerfreundschaft - Ausbrechen aus dem von Frauen und Kindern geprägten Alltagsleben; Staubige, langweilige Kleinstädte, heruntergekommene Farmen, Kleinfamilientristesse und ein Cowboyleben, das im Trailerpark endet. Trotz der zugrundeliegenden Tragik wird es an keiner Stelle tränendrüsig, und das ist Ang Lee und seinen ausgezeichneten Schauspielern zu verdanken. Der Film beobachtet seine Figuren genau, seziert sie und ihr soziales Umfeld geradezu, und kommt dabei mit wenigen Worten aus. Brokeback Mountain ist ein Film der Blicke und Gesten, trotz seiner Länge gibt es keine überflüssigen Momente und nach der tragischen Wucht der letzten Szenen sitzen viele ZuschauerInnen während des Abspanns minutenlang da, ohne sich zu rühren.
Die Genese von Brokeback Mountain und die heftig geführten Diskussionen um den Film sind deutliche Anzeichen dafür, dass es so weit her nicht ist, mit der Liberalität in Bezug auf schwule Themen. Das Drehbuch von Diana Ossana und Larry McMurtry, in der Branche lange unter dem Namen „das großartigste Drehbuch, das niemals verfilmt wurde“ gehandelt, wurde über sieben Jahre hinweg von einer Produktionsfirma zur anderen weitergereicht. Kein Regisseur wollte das heiße Eisen anpacken bis Ang Lee sich für den Stoff interessierte. Junge Schauspieler weigerten sich, die Rollen der beiden Cowboys anzunehmen. Und tatsächlich werden die beiden Hauptdarsteller, Heath Ledger und Jake Gyllenhaal, in fast  jedem Interview gefragt, wie es denn gewesen sei, einen Mann zu küssen und ob sie nicht Angst hätten auf „solche Rollen“ festgelegt zu werden.
Wer die Diskussionen in Internetforen zum Film verfolgt, gewinnt den Eindruck, dass die Schwulenbewegung in den USA mit dem Rücken zur Wand kämpft. Christliche Fundamentalisten machen sich dafür stark, dass in Schulen kreationistische Schöpfungslehre gleichwertig neben der Evolutionstheorie gelehrt wird und versuchen Aufklärungsmaterial zu sexueller Orientierung um jeden Preis aus der Welt der SchülerInnen zu verbannen. Auch Rufe nach „Umerziehung“ werden zunehmend lauter.
In der von Brokeback Mountain neu angefachten Diskussion um die Frage, ob sexuelle Orientierung angeboren sei oder nicht, positionieren sich viele auf der Seite der genetischen Festgelegtheit. Dies erlaubt ihnen zu argumentieren, dass das, was von Natur oder Gott festgelegt ist, nicht mehr geändert werden kann und somit anerkannt werden muss. Dies ist eine potentiell gefährliche Entwicklung, denn  von der genetischen Festlegung sexueller Orientierung ist es nicht allzu weit zur Feststellung des „Schwulengens“ und zur Idee, dieses eliminieren zu wollen. Schade, dass der Slogan zum Film, den sich die Produktionsfirma ausgesucht hat – Liebe ist eine Naturgewalt – in eine ähnliche Richtung interpretiert werden kann. Der Wucht und Integrität dieses großartigen Films  können solche Lesarten jedoch nichts anhaben.

Monika Bricke

Offizielle Website: www.brokebackmountain.com
Diskussionsforen: www.imdb.com, www.ennisjack.com

Internalisierte Homophobie

Gefangen im Männlichkeitsmythos


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Offline monicita

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Re: German reviews
« Reply #2 on: Mar 11, 2006, 08:55 AM »
http://focus.msn.de/panorama/welt/brokeback-mountain_nid_25924.html

Zu schwul für den Oscar?

 „Brokeback Mountain“

 08.03.06, 19:20 Uhr |

 
Goldener Löwe, Golden Globe, Bafta, drei Oscars … Ang Lees behutsame Studie der 20 Jahre währenden heimlichen Liebe zwischen zwei Cowboys wurde zu Recht mit Preisen überhäuft. Den Oscar für den besten Film hat der als Favorit gehandelte „Brokeback Mountain“ dann allerdings doch nicht erhalten. Ab jetzt kann man sich in den deutschen Kinos selbst ein Bild über den Schwulen-Western machen.

Sünde-Index

„Also, ich sehe mir den Film lieber nicht an. Wer garantiert mir denn, dass ich hinterher nicht schwul werde?", schrieb Satiriker Larry David („Seinfeld“) in der New York Times. Seine Ironie erschloss sich nur bedingt. Prompt pflichtete ihm ein Leser bei: „An sich habe ich nichts gegen Schwule. Aber müssen die das so an die große Glocke hängen?“ Kinobetreiber in Utah und West Virginia setzten „Brokeback Mountain“ auf ihren persönlichen Index: Sünde.

Abrechnung mit Macho-Mythos

Die Kontroverse um die schwulen Cowboys ist umso lächerlicher, als es gar nicht viel zu sehen gibt. Nicht, wenn man auf nackte Haut und explizite Sexszenen spekuliert. Als Provokation war die epische Adaption der Kurzgeschichte von Annie Proulx („Schiffsmeldungen“) nie gedacht. „Brokeback Mountain“ ist keine Gay-Pride-Demonstration. Ang Lees Drama einer unmöglichen Liebe ist eine stille Revolte, eine subtile Abrechnung mit einem Macho-Mythos.

Nase fast gebrochen

Lee beschränkt sich auf eine knappe, drängende Kopulationsszene und jenen berüchtigten Kuss, bei dem Heath Ledger seinem Partner Jake Gyllenhaal fast die Nase brach. „Das Kraftvollste an dieser Romanze ist das, was wir nicht sehen", weiß der Regisseur. Was er hingegen schmerzhaft deutlich zeigt, ist die Verkümmerung von Menschen, die ihre Gefühle unterdrücken müssen.

Zeug zum Klassiker

Brokeback Mountain ist viel mehr als ein Film über schwule Cowboys, er ist der Garten Eden der Liebenden, ein Paradies der Diskretion. Auch wenn es letztendlich „nur“ zu drei Goldjungen reichte und der für den besten Film dabei fehlte: „Brokeback Mountain“ hat das Zeug zum Klassiker.
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Re: German reviews
« Reply #3 on: Mar 11, 2006, 09:04 AM »
http://www.diepresse.com/textversion_article.aspx?id=544806

11.03.2006 - Kultur&Medien / Film       
   
   Brokeback Mountain: Dekaden von Traurigkeit       
   
   VON CHRISTOPH HUBER       
   
   Film. Ang Lees Melodram "Brokeback Mountain".      
   
   

Im Rückspiegel des Autos erhascht Jack Twist (Jake Gyllenhaal) zum ersten Mal einen Blick auf Ennis del Mar (Heath Ledger): Da ahnt er noch nicht, dass der gemeinsame Sommer am Brokeback Mountain ihr Leben verändern wird. Die Subtilität von Regisseur Ang Lee zeigt sich aber schon in der Eröffnung: Brokeback Mountain - nicht der Film über schwule Cowboys, als der er griffig etikettiert wurde, sondern episches Melodram einer von Gesellschaftsdruck verunmöglichten Liebe - entwickelt auch weiter seine Kraft vor allem visuell. Verborgene Blicke, heimliche Umarmungen, in den bewegendsten Momenten versagt die Sprache: Insbesondere der stoische Ennis verzweifelt nicht nur daran, dass er die Liebe nicht ausleben kann. Er kann sie nicht einmal in Worten ausdrücken.

Der Gegenpol dazu ist der Brokeback Mountain, wo Worte kaum nötig sind. Lee lässt sich Zeit, um zu zeigen, wie beim entbehrungsreichen Schafehüten Kameraderie zwischen den beiden Männern entsteht, die in einer angetrunkenen Nacht im gierigen Beischlaf mündet. Am nächsten Abend versichern sie einander, nicht schwul zu sein. Aber das ist schnell wieder vergessen.


Nach dem reuigen Abschied am Ende des Sommers steht der Aufbruch in die angebliche Normalität: Ennis heiratet seine Verlobte (Anne Hathaway), Jack endet nach vergeblichen Annäherungsversuchen bei Männern eines Nachts in den Armen eines freimütigen Cowgirls aus reicher Familie (Michelle Williams). Beide werden Väter, aber ein nervöses Wiedersehen wäscht die Anpassungsversuche in einem tosenden Gefühlsstrom wieder weg. Die Frau von Ennis sieht ihren Kuss und weint still.


In präzisen Schlaglichtern folgt Lees Film dann gut zwei Dekaden Traurigkeit: Gelegentliche "Angelausflüge" zum Brokeback Mountain können den Schmerz kaum lindern. Der Gegensatz zwischen erstickender Konformität und utopisch weiter Landschaft macht ihn noch stärker fühlbar: Trotz solcher bitteren Ironien verzichtet Lee dankenswerterweise auf Ironie in der Inszenierung, sein Pathos ist gerechtfertigt: Brokeback Mountain bewegt sich mit außerordentlicher, detailreicher Sorgfalt entlang konventioneller Erzählbahnen - nicht zufällig betont der Regisseur in Interviews die Universalität dieser Liebesgeschichte. Sie ist auch als ein intelligentes Mainstream-Gegenbild zur Feelgood-Strategie zahlreicher Coming-out-Erzählungen zu sehen: Den tragischen Selbsthass verschweigt sie nicht.


Als superber Schauspielerregisseur führt Lee sein Ensemble dabei zu Höchstleistungen: Ledger zapft ungeahnte Dimensionen an in seinem zurückgezogenen, kummervollen Zorn, Williams und Hathaway machen Rollen, die sehr undankbar hätten sein können, lebendig. Für den traurigen coup de grâce genügt dann gar ein Objekt: Ein blutiges Hemd im Wandschrank, dessen Anblick, Textur, Geruch ein ganzes verschwendetes Leben vorüberziehen lassen.
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Re: German reviews
« Reply #4 on: Mar 11, 2006, 09:10 AM »
http://focus.msn.de/panorama/welt/brokeback-mountain_nid_25924.html

[...]

Brokeback Mountain ist viel mehr als ein Film über schwule Cowboys, er ist der Garten Eden der Liebenden, ein Paradies der Diskretion. Auch wenn es letztendlich „nur“ zu drei Goldjungen reichte und der für den besten Film dabei fehlte: „Brokeback Mountain“ hat das Zeug zum Klassiker.
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Offline monicita

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Re: German reviews
« Reply #5 on: Mar 11, 2006, 09:14 AM »
Eine sehr schöne Rezension! - monicita

http://www.taz.de/pt/2006/03/04/a0001.1/textdruck

Von Liebe erwischt
Zwei Cowboys, die sich begehren. Ein Paar, dem die Liebe widerfährt und das sie doch nicht aushalten kann. Ang Lees "Brokeback Mountain" könnte morgen mit acht Oscars ausgezeichnet werden

VON JAN FEDDERSEN

Die Fotografie auf dieser Seite birgt alle Zeichen jener Tragödie, die der Film, aus dem sie stammt, erzählt. Eine körperliche Semiotik als fixiertes Bild. Im Vordergrund des Männerpaares: Jack Twist, hinter ihm Ennis Del Mar. Die Szene spielt in ihrem Sommer der Liebe, 1963, auf dem "Brokeback Mountain", einem Hügel irgendwo in Wyoming, ganz weit weg von allen Metropolen, kulturell Lichtjahre von New York oder San Francisco entfernt. Ennis Del Mar kann seinen Geliebten nur auf diese Weise in den Arm nehmen - ihm direkt, von vorn, in die Augen schauen, das vermag er nicht. Er begehrt ihn, das zeigt auch dieses Bild, aber er kann es nur schwer genießen, nie jenseits dieses Idylls: Sein Gegenüber ist genau das, wohin es ihn zieht - aber es hat leider das falsche Geschlecht. Ein Mann.

Jack Twist anzusehen hieße für Ennis Del Mar, jenen anzusehen, in den auch er sich verliebt hat - hieße, dessen gelöste Mimik zu lesen und in ihr gespiegelt zu sehen, dass er diese Unwahrscheinlichkeit namens Liebe ausgelöst hat. Und zwar zu ihm. Dass er, Ennis Del Mar, gemeint ist, nicht ein imaginärer Körper außerhalb des seinen; dass er dieses Gefühl nicht nur geweckt hat, sondern es auch nährt. Dem verweigert sich Ennis Del Mar den ganzen Film über - erst, als er seinen Geliebten tot weiß, kann er dessen Foto anschauen und sagen: "Ich schwöre "

Eine Szene, die jeder und jede versteht. Der eine wiegt sich wie in einer Meditation in einem Glück, das nicht so rasch verdampfen soll. Und der andere hält ihn und umgekehrt. Aber der Satz von Ennis Del Mar, "Ich schwöre ", ganz zum Schluss, kommt zu spät. Und das Publikum denkt: Pah, schöner Schwur, jetzt ist es doch wirklich zu spät. Wir werden aber ebenso empfinden: Wenigstens am Ende seiner Tage kann er sich selbst eingestehen, dass das, was er mit seinem Jack hatte, nicht krank war, falsch oder gegen die Natur - und dass er ihn tatsächlich liebte.

"Brokeback Mountain" erschien als Short Story 1997 im New Yorker. Die Autorin Annie Proulx nahm auf einer Reise etwas wahr, was nicht zwingend ins Auge fällt, wenn man das, was zu sehen ist, nicht wahrhaben kann, weil es unglaubwürdig wirkt, nicht ins eigene Raster passt, nicht den Erwartungen entspricht, die man an die Bilder richtet, die man für plausibel halten kann. Sie saß, erzählt sie in ihrem Essay über die Verfilmung von "Brokeback Mountain", eines Tages irgendwo im Mittleren Westen in einer Kneipe und wollte etwas trinken. Trainierte Reporterin, immer auf Empfang, in dieser Sekunde offenkundig sehend für das, was nicht möglich scheint, sah sie einen alten Mann an einem Tisch. Und irritierenderweise, wie sie einräumt, fühlte sie, prüfte, mehrmals genauer beobachtend, ehe sie erkannte, dass der nicht den Mädchen nachguckte, Kellnerinnen beispielsweise, sondern den Rodeojungs, den Cowboys, die in einer Ecke standen und flachsten und röhrten und dröhnten, wie es nicht nur in dieser Weltgegend Männer gern tun, wenn sie sich als Männer zu justieren haben: Bloß nicht weiblich wirken.

Die Schriftstellerin erkannte in diesem Beobachter eine Sehnsucht, wie sie sagte, ein Begehren, das nicht einlösbar schien, ein Sehnen nach dem, was nicht vorgesehen sein soll. Aus diesen Sequenzen bastelte sie ihre famose Geschichte für das Magazin. Was schon in ihr leuchtete, was, so Proulx selbst, Regisseur Ang Lee kongenial in Szene setzte, war eben eine Liebe, die undenkbar schien und doch existiert. Eine Tragödie? Was sonst! Tränen, im Kinosessel geweint, Berührungen, nachhaltige, Mitgefühl, wieder und wieder aufsteigend, lange nach dem Film, Szenen, die einem nicht aus dem Kopf gehen: Anders als in der Form des Dramas geht das nicht.

Hollywood interessierte sich früh für den Stoff - aber zwei Cowboys, die sich mehr als nur an die Wäsche gehen, sondern begehren, nicht nur sexuellen Notstands wegen, sich voneinander lossagen und es doch nicht können: Ist das verkäuflich? Will das Publikum das sehen? Und wenn ja: Welche Kompromisse müssten filmisch eingegangen werden?

Wie man ab nächsten Donnerstag im Kino sehen wird: keine. Nichts von dem schroffen Realismus des Proulx'schen Plots ging verloren. Nur die Filmwerbung traute sich nicht - wie auch die Debatte in den USA seltsam fleischlos blieb. Eine Liebesgeschichte, hieß es, wie einst "Vom Winde verweht", eine von universeller Geltung - darin waren sich die New York Times, der San Francisco Chronicle oder die Los Angeles Times einig. Eine Lovestory, die es mit der Anmut von "Brücken am Fluss" aufnehmen könne, ja, Ang Lee sei ein astreiner Film gelungen, bei dem gar nicht so sehr eine Rolle spiele, dass die Protagonisten Männer sind, nicht klassisch Mann und Frau. Blödsinn, wenn auch gut gemeinter. Man möchte den Kritikern wohlwollendes Interessen unterstellen - denn ihre Urteile waren nicht triftig. Tatsächlich lebt dieser Film von der Idee, eine schwule Liebesgeschichte als quasirealistische Dokumentation echter homosexueller Not zu zeigen.

Nichts ist universalistisch unterlegt, es sei denn, man findet, die Vergeblichkeit der Liebe als solcher sei bereits eine universalistische Konstruktion. In der New York Review of Books war die entsprechende Klarstellung von Daniel Mendelsohn ("An Affair to Remember") zu lesen: "Brokeback Mountain" verhandele zunächst keine allgültigen Probleme, egal ob hetero oder homo, sondern in erster Linie das brutale, mörderische Setting einer Liebe zwischen Männern, die existiert und doch nicht erwünscht ist, nicht sein darf - und falls es sie, wie der Zufall so spielt, doch gibt, dann nur um den Preis der Bedrohung. Noch Ende der Neunzigerjahre sei ein Student in Wyoming an einem Viehzaun zu Tode geprügelt worden - weil er als schwul erkannt wurde.

Was "Brokeback Mountain" zu einem gewaltigen Stück Kino macht, ist, dass man diese Geschichte und all die anderen Nachrichten aus der Welt des Hasses gegen Homosexuelle glaubt. Sich aber, weil es ein schöner Film ist, in ihr erkennt - und so etwas wie Anteilnahme empfindet für die beiden. Meisterliche zweieinviertel Stunden, und zwar deshalb, weil alle Klischees nicht nur verletzt werden, sondern wie verschwunden scheinen. Jack Twist und Ennis Del Mar, zwei junge Männer, Herumtreiber, Tagelöhner, schlechter, liebloser, brutaler familiärer Hintergrund, viel Nikotin und Alkohol, die materielle Armut in jede Pore ihrer Körper eingesunken. Lernen sich beim Viehtreiber kennen, beide sollen eine Schafherde hüten, den Sommer über. Wunderbar, ja authentisch schon, beide Figuren wortkarg zu zeichnen - und Ennis Del Mar, geradezu wahrhaftig verkörpert von Heath Ledger, ist maulfauler als Jack Twist, den Jake Gyllenhaal spielt. Man weiß nicht, ob beide schwul sein könnten, aber sie möchten es auf keinen Fall sein, das steht fest. So sind sie nicht kodiert, so sieht ihr Familienauftrag es nicht vor - das ist nicht das, was ein Cowboy sein könnte. Schwul? Wie Weiber, verkehrte Männer.

In den Bergen kommen sie sich näher - aber nicht im Stile eines pornografisiert anmutenden Stereotyps. Man ahnt, dass sich da Nähe zwischen beiden anbahnt, dass da etwas wie Intimität reift, aller Fremdheit zwischen ihnen zum Trotz oder gerade ihretwegen. Jack Twist ist es, der Ennis Del Mar schließlich verführt - wie genau, soll hier nicht verraten werden, aber die Kritik, "Brokeback Mountain" gefalle sich in nicht so ganz schwulen Bildern, ist verfehlt. Man hat in dieser Szene echt was zu lernen, das taugt für den nächsten Campingurlaub. Deutlicher jedenfalls möchte man das auch nicht sehen, krasser ist es nicht nötig: Man sieht, wie beide sich begehren, keuchenden Sex haben, sieht sie zärtlich miteinander, traut, sich küssend (bei Sexuellem), sieht sie zum Paar werden. Wenngleich Ennis Del Mar gegen seine Lust (nicht allein am Körper des Anderen) kämpft und furchtsam-kalt nach der ersten Nacht sagt, das müsse alles eine Ausnahme gewesen sein. Schwul?

Und ist das nicht überhaupt unvorstellbar? Schwule - das sind doch "Männer" aus Manhattan, Beach Boys, Lifestylegewinner, keine harten Kerle, keine Proleten, Cowboys schon gar nicht. Bei denen Härte zählt, eine gewisse Ledrigkeit im Gemüt und Robustheit in den Umgangsformen? In Ang Lees Film gibt es eine Szene, in der Ennis Del Mar berichtet, wie sein Vater ihn und seinen Bruder eines Tages zu einer Farm führten, die von zwei Männern bewirtschaftet wurde. Der eine wurde ermordet, sein Penis zerschreddert, geschlachtet, sein Körper wie gevierteilt. Das ist das, was gelernt wird: Wenn zwei sich doch zusammentun, zwei Männer, mutig, tapfer, verdient das Strafe.

Diese Einschreibung in seinen Körper bekommt Ennis nicht aus sich heraus, das versteht man: Nie so enden wollen wie jener Mann, den sein Vater ihm ja irgendwie stolz wie ein verwesendes Stück zerlegtes Vieh vorführte. An diesen Umständen scheitert auch der Wunsch von Jack Twist, der ja mit seinem Geliebten zusammenleben will. Was sie sich leisten, ist eine Tradition, die zwanzig Jahre währt: beide heterosexuell verheiratet, das musste sein, das sollte sein, beide Väter geworden, aber beide unentwegt miteinander Ferien verbringend - ein Kompromiss und mehr als nichts.

Der Film, in Bildern von den Rocky Mountains schwelgend, meist menschenleer, der beide über mehr als zwei Jahrzehnte schildert, sie beide bis in die Achtziger begleitet, zeigt die Möglichkeiten, die sich ihnen bieten: Als Ennis Del Mar und seine Frau sich scheiden lassen, missversteht dies Jack Twist - fährt in Rekordtempo zu ihm von Texas nach Wyoming, hoffend, nun werde ihr eigentliches Leben beginnen. Enttäuschend für ihn, dass der nicht will - die Brutalität der Homophobie ist für ihn keine theoretische Größe, seine mangelnde Courage wohl reflektiert: Er muss als Landarbeiter bleiben, wo er ist - kein Fluchtpunkt Manhattan.

Ang Lee, seit seinem Film "Das Hochzeitsbankett" wohl erfahren mit schwulen Vorlagen, damals aber noch mit einem Ende, das doch wieder durch das Siegel der Heteronormativität beglaubigt wird, brauchte Annie Proulx' Story kaum auf seine Wünsche umzupolen: Schon die schriftliche Vorlage war Antiklischee ohne triumphale Attitüde. Er hat den ersten Film mit schwulen Helden gedreht - und er gibt ihnen Recht. Er denunziert sie in keiner Szene, keine Sekunde hegt man den Verdacht, es sei etwas Missratenes zu sehen. Den liberalen Öffentlichkeiten, wo auch immer, müsste dieser Film zu denken geben. Homosexuelle gibt es offenbar nicht nur unter Umständen, die sich wie CSD-Parade, Schöner-ficken-Ästhetiken oder Metrosexualität ("Alle Identitätskategorien verschwimmen"-Blablabla) buchstabieren lassen. Begehren, das nicht nur Sexuelles meint, mutiert zum Drama, wenn es das falsche ist: Und homosexuelles Begehren, das nicht im Underground gelebt werden möchte, ist eines, das ohne Drama nur selten gelingt, jedenfalls nicht in Milieus, die streng alles bestrafen, was sich männlich-antiweiblichen Normen nicht fügt.

Was "Brokeback Mountain" kostbar macht, ist eine utopische Qualität. Nicht so sein müssen, wie man zu sein hat - und die Normen in der schwulen Welt sind da nur graduell barmherziger als die innerhalb heterosexueller Horizonte. Der Überschuss an Moral generiert sich obendrein aus der Konstellation, dass da zwei Männer gleichen Alters miteinander zu tun haben: kein faktisch pädosexuelles (Horror-)Setting wie in Luchino Viscontis "Tod in Venedig", an dessen Ende Aschenbach die Schminke, die ihn jugendlicher machen soll, auf den Wangen herabströmt und er die Liebe zum matrosenhemdigen Tadzio endgültig als gescheitert anerkennt. Hier ist es ein Verhältnis zwischen Gleichen. Ennis Del Mar und Jack Twist, die für keine Rolle in "Sex & The City" oder "Queer As Folk" gut wären, begrenzt nur stylish, kein Personal, um am Hofe Truman Capotes aufgenommen zu werden. Keine Exzentriker sie beide, ohne Bildung - also keine Nische, in der sie sich einrichten könnten. Ohne Heimat dort, wo ihre Heimat ist - ohne Platz auch dort, wo die Asyle für Provinzflüchtlinge liegen, New York, San Francisco und, ja auch: Berlin, Köln, Hamburg, Frankfurt.

Hübsch und mutig vom Regisseur, beide miteinander umgehen zu lassen auch in Momenten, die nur ihre Paarung illustrieren, nichts zur Dynamik der Story beitragen: Wie Liebende eben miteinander spielen, sich necken, füreinander sorgen, sich langweilen oder für die schnelle Nummer auf die Matratze (später im Hotel) hetzen. Sex ist nicht alles, lernen wir, aber ohne Sex unter Liebenden ist alles viel weniger: Das wiegt alle Schwächen im Alltag alles in allem gut auf.

Zwei Männer, die nicht weich sein wollten, weil Männer nicht so sind. Cowboys? Erst recht nicht. Und die es doch mussten. Sich, auch das eine ersichtlich utopische Qualität, als Männer erkennen - und nicht als weiblich oder männlich zuweisen müssen, um sich zu genießen. Der belgische Film "Mein Leben in Rosarot" zeigt, beispielsweise, das Negativ zu "Brokeback Mountain": Ein Junge, der nicht so ist wie andere Jungs, der die Farbe Rosa liebt und gern eine Frisur mit Pony trägt. Der zart ist und sich Raufereien verweigert. Ein brutaler Film, weil er kein Happyend bereithält: Die Eltern, gute, aufgeklärte Europäer, wie sie in Mitteleuropa eben so leben, ertragen ihr Kind so nicht. Auch dies eine seelische Einschreibung, die als Wunde nie ganz verheilen wird.

Und im deutschen Film? Ist ein Regisseur vorstellbar, der mit ähnlicher Kraft einen Film dreht, der unter zwei Männern im Ruhrpott spielt, der eine Bergmann, der andere Kfz-Schlosser - aber bitte ohne CSD-Rummel, tuntenverquietschtem Timbre und sonstige Heiterkeit, die doch nur signalisieren möchte: Sind zwar schwul, aber total lustig? Undenkbar, schon als Fantasie niederschmetternd unvorstellbar. Alle nicht gut genug, niemand, der diesen kühlen Blick der Empathie schon einmal gezeigt hätte.

Ennis Del Mar erfährt Monate nach dem letzten Kontakt mit seinem Jack, dass dieser tot ist. Im Film wird das nicht ganz deutlich, aber er ist von einen Schwulenhasser mit dem Wagenheber ermordet worden. Die letzten zehn Minuten von "Brokeback Mountain" zeigen einen Übriggebliebenen dieser Liebe, der trauert, der dessen gewahr wird, was er versäumt hat. Fährt zum Haus von Twists Eltern, tritt im Grunde dort auch auf wie ein Witwer. Riecht am ungewaschenen Hemd seines Jack, darunter sieht er ein altes Hemd von sich selber: übereinander auf einen Bügel gehängt. Das Muster der Totenklage wird kenntlich: Die Liebe wird zum funkelnden Kristall erst mit der leiblichen Abwesenheit des Geliebten. Und doch: Man glaubt Ennis Del Mar, dass er aufrecht trauert und darum weiß, dass er es vergeigt hat.

An dieser Stelle liegt wirklich eine universalistische Botschaft geborgen: Die Garantie, die Liebe des Lebens zu treffen und ihr dann auch zu folgen, gibt es nicht. Da sind sich Hetero- wie Homosexuelle sehr ähnlich. Oscar-würdig ist Ang Lees Film nicht dieses Credos wegen. Sondern weil er zwei Männer zeigt, die ihren gemeinsamen Triumph nicht zu fassen kriegen. Die nicht falsch sind. Falsch ist nur alles, was sie daran hinderte, das zu sein, was sie sein wollten - und nicht konnten.

JAN FEDDERSEN, Jahrgang 1957, taz.mag-Redakteur, lebt in Berlin. Sein zweitliebster Film um ein queeres Thema: Harvey Fiersteins "Das Kuckucksei" aus dem Jahre 1988

taz Magazin Nr. 7913 vom 4.3.2006, Seite I-II, 427 TAZ-Bericht JAN FEDDERSEN
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Re: German reviews
« Reply #6 on: Mar 11, 2006, 09:22 AM »
Noch eine gelungene Rezension aus epd film:

http://www.epd-film.de/33178_39853.php

Einer wartet immer


Die tragische Liebe zweier Cowboys in Ang Lees »Brokeback Mountain«

von Elisabeth Bronfen



Brokeback Mountain ist der Gewinner des amerikanischen Filmjahrs: überhäuft mit Festival- und Kritikerpreisen, mit acht Nominierungen der Spitzenkandidat für die Oscar-Verleihung am 5. März. Ein überraschender Siegeszug, denn das Drehbuch – nach einer Short Story der mit „Schiffsmeldungen“ bekannt gewordenen Schriftstellerin E. Annie Proulx – war jahrelang vergeblich in Hollywood herumgereicht worden. Und der für Filme wie Sense and Sensibility oder Tiger & Dragon gefeierte Regisseur Ang Lee hatte zuletzt mit der Comicverfilmung Hulk einen rechten Flop inszeniert. Erinnert man sich aber an seine frühe Komödie Hochzeitsbankett, in der ein schwuler taiwanesischer New Yorker zwischen Konvention und Coming-out laviert, kommt Brokeback Mountain nicht ganz unerwartet. Als Geschichte zweier Cowboys, die ihre „unaussprechliche“ Liebe zueinander entdecken, hat der neue Ang Lee in konservativen US-Staaten Irritation ausgelöst. Das Etikett „schwuler Western“ greift indes zu kurz. Und von einer universellen Liebesgeschichte kann auch nicht die Rede sein. Über die Geheimnisse eines großen Films und seiner wortkargen Helden.

Als Meister des Melodrams hat Ang Lee in seinen Filmen schon immer Menschen dargestellt, die gegen die Beschränkungen von Verhaltenscodes ankämpfen. Bei diesem Konflikt zwischen Anpassung und Ausbruch läuft es zudem oft auf die Unmöglichkeit hinaus, für Gefühle eine angemessene Sprache zu entwickeln, die nicht ins Schweigen läuft. So hatte der Regisseur in Der Eissturm bereits die Erstarrung der 68er-Revolte in leeren Gesten einer sexuellen Befreiung gezeichnet, die an einem Thanksgiving-Wochenende die Carvers und Hoods zum emotionalen Stillstand bringt. Der Tod des älteren Carver-Sohns Mickey bewirkt zwar ein Auftauen der emotionalen Vereisung dieser beiden Familien, doch die menschliche Zuneigung verläuft wortlos. In Tränen beugt sich am Ende der fatalen Nacht der Vater über die Leiche seines Sohns und versucht vergeblich, ihn wiederzubeleben. Erschüttert bleibt die Mutter in ihrem Bett liegen, obgleich sie das Schluchzen ihres Mannes hört – als wolle sie mit ihrem Schmerz allein gelassen werden. Verwirrt bricht der Nachbar, der den toten Jungen auf der Straße gefunden hatte, in seinem Auto zusammen, umgeben von seiner erstaunt schweigenden Familie. Einzig Paul Hood findet Worte, um die beklemmende Kraft, die von seinem Zuhause ausgeht, zu beschreiben. Dabei orientiert er sich an einem Heft aus der Comicserie „Die fantastischen Vier“. Dort heißt es: „Die Familie ist die Leere, aus der du kommst, und der Ort, an den Du zurückkehrst, wenn du stirbst. Und das ist das Paradox. Je tiefer du wieder hineingezogen wirst, umso tiefer gerätst du in die Leere.“

Auch in Ang Lees jüngstem Film Brokeback Mountain finden die beiden Helden Ennis Del Mar (Heath Ledger) und Jack Twist (Jake Gyllenhaal) Halt in einem Stereotyp: dem des einsamen, wortkargen Marlboro-Manns mit seiner obligatorischen Zigarette und dem Cowboy-Hut, den er tief ins Gesicht zieht, um sich bedeckt zu halten. Auch Ennis und Jack wollen einer tristen Realität entkommen und haben ihrerseits als Orientierung jenen Westernmythos, der als Flucht vor dem Heim die einsame Weite der Prärie anbietet. Die ergreifende Dramatik ihrer Geschichte besteht auch in ihrem Fall in einem Paradox. Weil sie sich den Macho-Werten des amerikanischen Westens beugen, der ihnen auferlegt, ihre Gefühle für sich zu behalten, werden diese zu etwas Wertvollem. Das intime Begehren bezieht seine Kraft also daraus, dass es dem Alltagsleben nicht angepasst werden kann.

Die Erfahrung des Anderen
Für die beiden Jungs, die im Jahre 1963 einen Sommer lang gemeinsam auf Brokeback Mountain Schafe hüten und dort von einer leidenschaftlichen Liebe überfallen werden, die sie nie wieder loslassen wird, bedeutet dies aber auch: Sie können ihre Gefühle nur in einem Ausnahmezustand leben, in den sie 20 Jahre lang immer wieder flüchten. Während Jack sofort ein Verlangen nach dem schweigsamen Ennis empfindet, antwortet dieser nur zögerlich mit einer Liebe, die er weder erwartet hat noch erklären kann. Am Ende des Sommers ist er es, der eine Fortsetzung verbietet. Denn so unwohl er sich in seiner Haut auch fühlen mag, bleibt er einem Bild amerikanischer Männlichkeit verhaftet, die offen ausgelebte Homosexualität nicht erlaubt. In den vier Jahren, die daraufhin verstreichen, heiraten beide und gründen Familien. Dann erhält Ennis eines Tages eine Postkarte von Brokeback Mountain: Chiffre für die Freiheit der Wildnis, wo man für eine begrenzte Zeit aus den Beschränkungen der Häuslichkeit wie der gesellschaftlichen Vorurteile ausbrechen kann.

 

Geschickt entlarvt Ang Lee die Vorstellung des Cowboys, der sich in seinem Heim nie wohlfühlen kann, und die Vorstellung einer verbotenen Liebe, deren Namen man dort nicht aussprechen darf, als zwei sich gegenseitig entsprechende Fantasien. Beide können nur ausgelebt werden, wenn man diesem Zuhause den Rücken zuwendet. Brokeback Mountain wird zum Bild, an dem die beiden Männer ihre Fantasie von unbeschränkter Freiheit festmachen, und fungiert somit zugleich als Chiffre für Kino schlechthin. Denn wie John Fords Monument Valley wird diese offene Landschaft in Wyoming mythisch erhöht zur imaginären Bühne für jene epischen Gefühle, die eine Erfahrung des Anderen erlaubt und deshalb dem entspricht, was auch wir vor der Kinoleinwand erleben. Als Gegenplatzierung zu den verwahrlosten, staubigen Kleinstädten des amerikanischen Westens erinnert die Berglandschaft zugleich auch an das jianhu der Martial-Arts-Tradition, dem Ang Lee in Tiger & Dragon huldigte: die von geheimen Mächten geprägte Unterwelt der Geister und Gangster, in der Schwertkämpfer den inneren Tiger aus sich herauslassen und die Gesetze der Schwerkraft wie die der normalen Gesetzbarkeit überwinden. Auf Brokeback Mountain können auch Ennis und Jack moralische Verbote und Vorurteile von sich streifen und sich einer Liebe hingeben, die auch bei ihnen einem gewaltsamen Kampf ähnelt; bilden doch für den wortkargen Cowboy Lieben und Schlagen zwei Seiten der gleichen Medaille.

Kein Ort, draußen
Fängt Ang Lee mit der ersten Einstellung von Brokeback Mountain die Bergkette des Titels als märchenhafte Geografie ein, so lässt er seinen Film auch auf jene Postkarte hinauslaufen, die Jack als Lockruf losgeschickt hatte. Wie in einem Schrein hat Ennis sie in seinem Schrank aufgehängt: neben der Jeansjacke seines verbotenen Geliebten und dem Hemd, das er selbst in dem Sommer getragen hatte, als sie sich zum ersten Mal trafen. Mit dieser stringenten Rahmung bringt Ang Lee zugleich den tragischen Kern seiner Liebesgeschichte auf einen Punkt. Ist der Ort, an dem die beiden Männer ihre Leidenschaft ausleben dürfen, als jianghu konzipiert, dann deshalb, weil ihr Begehren selbst im Bereich des Wunschtraums bleiben soll. Als Ort, an dem sich ihre Fantasie des Ausbruchs orientiert, muss dieser ein Draußen bleiben. Was die beiden Männer verbindet, sind Brokeback Mountain und die Möglichkeiten eines anderen Lebens, für die er einsteht. Sie haben aber auch nur diesen Ort – und zwar als miteinander geteilten Traum – gemein. So lässt sich der Umstand, dass Ennis überlebt, während Jack auf mysteriöse Weise ums Leben kommt, nicht nur als Hinweis auf die tragischen Umstände dieser verbotenen Liebe lesen. Wenn Ennis am Ende glücklich auf die Postkarte blickt, verweist dies auch auf jene emotional verklemmte Männlichkeit, die in der amerikanischen Literatur zuhauf zu finden ist. Die zur Reliquie erhobene Postkarte erlaubt es Ennis nicht nur, des verlorenen Geliebten zu gedenken und ihn so am Leben zu halten. Sie entspricht auch der Angst vor Nähe, die diesen Eigenbrötler ausmacht. In der Erinnerung stellt Jacks forsche Forderung nach Liebe keine Gefahr mehr dar. Die Fantasie der Liebe funktioniert am besten, wenn sie sich an der Nostalgie für einen Ort festmachen lässt, zu dem man immer zurückkehren will – im Wissen, dass eine Rückkehr unmöglich ist.

So stellt sich das Problem der Sprachlosigkeit in Brokeback Mountain auf differenzierte Weise. Wenn Ennis und Jack mit ihren geheimen Treffen dort eine Lüge leben, dann vielleicht weniger, weil sie im amerikanischen Westen der sechziger und siebziger Jahre keine andere Wahl haben. Die Gewalt der Gefühle, der sie sich nicht entziehen können, deutet auch auf eine emotionale Hilflosigkeit hin, die einem Mangel an Einbildungskraft gleichkommt. In der Haltung des Macho-Mannes fühlen die beiden sich nicht wohl – dennoch sind sie auf dieses Selbstverständnis beschränkt. Die Verschlossenheit, die diese Pose vorgibt, hat zur Folge, dass sie sich ihren Gefühlen nur hingeben können oder sie sich gänzlich verbieten. Sie können nur ein Stück Leben miteinander teilen, das nie ausgesprochen werden darf. Sie können sich aber zugleich auch nicht vorstellen, den Westen mit seinen trostlosen Honky-Tonk-Kneipen, Fourth-of-July-Picknicks und biederen Tanzabenden gemeinsam zu verlassen. Aussichtslos ist diese Situation jedoch vor allem, weil Ennis eine eigene Homophobie im Kopf hat. Er kann seine Gefühle nur als wortlose Gewalt ausdrücken – da ist die Lust, die ihn überfällt, wenn er mit Jack zusammen ist, da ist die Brutalität, mit der er auf alle reagiert, die sein Geheimnis zu lüften drohen. Ennis’ Unfähigkeit, die eigenen Gefühle auszudrücken, entspricht dem Verbot seiner Umwelt, über Homosexualität offen zu sprechen. Weil er sich nicht vorstellen kann, sein Leben als Ranch-Helfer aufzugeben, will er sich auch nur im Bezug zur Doppelmoral dieser Kultur verstehen. Für ihn heißt dies, um jeden Preis ein Doppelleben zwischen Alltag und Brokeback Mountain aufrechtzuerhalten.

Sein Lebensmotto besagt: Wenn du es nicht richten kannst, musst du es ertragen. Darin liegt natürlich ein tiefer Konservatismus, läuft es für Ennis doch grundsätzlich auf das Erdulden eines unzulänglichen Lebens und nicht eine Veränderung hinaus. Das selbst auferlegte Verbot eines glücklichen Ausbruchs lässt sich aber auch als zeitgemäße Analyse der amerikanischen Kultur verstehen. Als wollte Ang Lee, der mit einem hybriden Blick auf die Welt des Westerns blickt, uns zeigen, wie sehr die brutale Starrheit, mit der an konventionellen Rollen von Männlichkeit festgehalten wird, noch immer das Gegenstück zum Traum unbegrenzter Möglichkeiten bildet. Zu erdulden, was man nicht ändern kann, heißt nämlich für Ennis, wie für zahlreiche männliche Figuren des Hollywood-Bildrepertoires: Das Liebesobjekt, das einen in seinem Selbstbild in Frage stellt, muss weg. So hatte Ennis Jack gedroht: Wenn ihm dessen Eskapaden mit anderen Männern zu Ohren kämen, müsse er ihn töten. Als ihm dann Jacks Frau andeutungsreich die merkwürdigen Umstände schildert, die tatsächlich zum Tod ihres Gatten führten, wird Ennis von seinem schrecklichen Urteil eingeholt. Er kann sich Jacks Tod nur als Racheakt gegen einen Mann vorstellen, der offen seine Homosexualität leben wollte. Die meisterhafte Schauspielkunst von Heath Ledger entlarvt subtil zwei Dinge: Der Film, der während seines Telefonats mit der Frau vor seinem Auge abläuft, versichert Ennis, er habe mit seinem Verbot Recht gehabt hat. Immerhin hat er überlebt. Zugleich bietet ihm diese Nachricht das einzige Glück, zu dem er fähig ist. Als Träumender kann er zu dem Geliebten, den er vor seinen Mitmenschen verheimlichen und sich selbst verbieten musste, stehen.

Land der begrenzten Möglichkeiten

Doch Ang Lee bietet uns auch eine ironische Distanz zur fatalen Logik des Marlboro-Man. Werden im Western die Frauen aus dem Treiben in der Prärie meist ausgeschlossen, weist Brokeback Mountain ihnen eine entscheidende Rolle zu. Mit ihren Blicken kommentieren sie kritisch die Geheimhaltung ihrer Männer. Nachdem sie sich von Ennis getrennt hat, bringt Alma (Michelle Williams) endlich den Mut auf, ihn mit dem Schmerz zu konfrontieren, den seine Lebenslüge ihr zugefügt hat. Lureen (Anne Hathaway) lässt bei dem Telefongespräch mit Ennis deutlich ihre stille Wut darüber erkennen, dass sie für Jack nie von Bedeutung war. Die Mutter des Verstorbenen hingegen gibt Ennis mit ihrem schweigenden Blick zu verstehen, sie hätte die verborgene Seite ihres Sohnes längst durchschaut. Auch die Frauen finden keine Sprache, um ihre verwirrten Gefühle zu verbalisieren. Aber sie verweisen darauf, dass man zurückhaltend sein kann und dennoch nicht in brutaler Einsamkeit verharren muss. An ihrer Aufrichtigkeit wird ein Ausbruch festgemacht, der nicht im Bild des verlorenen Glücks mündet, sondern im Aufbruch in einen neuen Tag. In der Schlusssequenz des Films kommt Alma jr. (Kate Mara) zu ihrem Vater, um ihm von ihrer bevorstehenden Heirat zu erzählen. Sie ist zwar so schüchtern wie er, aber die strahlende Offenheit, mit der sie ihn bittet, an ihrer Hochzeit teilzunehmen, lässt erkennen: Sie schenkt ihren Gefühlen mehr Vertrauen. Ihr Blick, der erwartungsvoll auf die Zukunft schaut, hält seinem, der nostalgisch in die Vergangenheit gerichtet ist, die Waage.

Start: 9.3. (D), 10.3. (A)

Brokeback Mountain
USA 2005. R: Ang Lee. B: Larry McMurtry, Diana Ossana (nach einer Kurzgeschichte von Annie Proulx). P: Diana Ossana, James Schamus. K: Rodrigo Pietro. Sch: Geraldine Peroni, Dylan Tichenor. M: Gustavo Santaolalla. T: Drew Kunin. A: Judy Becker, Tracey Baryski. Ko: Marit Allen. Sp: Louis Morin. Pg: Focus Features/River Raod Entertainment. V: Tobis. L: 134 Min. Da: Heath Ledger (Ennis Del Mar), Jake Gyllenhaal (Jack Twist), Michelle Williams (Alma Beers), Anne Hathaway (Lureen Newsome), Randy Quaid (Joe Aguirre), Linda Cardellini (Cassie), Anna Faris (Lashawn Malone), Roberta Maxwell (Jacks Mutter).

Elisabeth Bronfen ist Professorin für Englische und Amerikanische Studien an der Universität Zürich. Zu ihren Veröffentlichungen gehören: „Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik“, „Das Verknotete Subjekt. Unbehagen in der Hysterie“ und „Die Diva: Geschichte einer Bewunderung“. Im engeren Film-Bereich hat Bronfen etwa zum „home“-Begriff im Hollywood-Kino geforscht; Studien zu Pop Art und Hollywood-Kino sowie zum Kriegskino sind in Arbeit.

Die Filme von Ang Lee

2005 Brokeback Mountain
2003 Hulk
2001 The Hire: Chosen (Werbefilm für BMW)
2000 Tiger & Dragon (Crouching Tiger, Hidden Dragon/Wo hu cang long)
1999 Ride With the Devil – Die Teufelsreiter
1997 Der Eissturm (The Ice Storm)
1995 Sinn und Sinnlichkeit (Sense and Sensibility)
1994 Eat Drink Man Woman (Yin shi nan nu)
1993 Das Hochzeitsbankett (The Wedding Banquet/Hsi yen)
1992 Pushing Hands (Tui shou)

epd Film 3/2006


 
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Offline monicita

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Re: German reviews
« Reply #7 on: Mar 11, 2006, 09:24 AM »
http://focus.msn.de/panorama/welt/brokeback-mountain_nid_25924.html

[...]

Brokeback Mountain ist viel mehr als ein Film über schwule Cowboys, er ist der Garten Eden der Liebenden, ein Paradies der Diskretion. Auch wenn es letztendlich „nur“ zu drei Goldjungen reichte und der für den besten Film dabei fehlte: „Brokeback Mountain“ hat das Zeug zum Klassiker.

whoopee! Froggy rocks
 ;D ;D ;D
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Re: German reviews
« Reply #8 on: Mar 11, 2006, 09:31 AM »
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LOL...now, how would you say "you bet" in german?
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Offline monicita

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Re: German reviews
« Reply #9 on: Mar 11, 2006, 04:37 PM »
Veery colloquially I would say: "Auf jeden" (which, in full, would be "Auf jeden Fall"). Or maybe: "Klar doch". You know what, I think I will really have to see the dubbed version, to hold my own in discussions with German fans. Yuck. I hate dubbed versions of my favourite films. But I 'll brave it, for our forum ;D

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Offline Fred

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Re: German reviews
« Reply #10 on: Mar 12, 2006, 01:06 PM »
Hallo Monicita,

vielen Dank das du uns dran teilhaben lässt. Deine Rezensionen sind Klasse  ;D

Diana Ossana: Brokeback Mountain ist Ennis und Jacks magischer Ort. Dort verlieben sie sich. Sie kehren niemals dorthin zurück, was vielleicht eine unbewusste Entscheidung der beiden ist – es ist ihr Idyll und sie wollen es nicht zerstören. Es ist wie Jack sagt: „Alles was wir haben, ist Brokeback Mountain."

Offline wojciech

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Re: German reviews
« Reply #11 on: Mar 18, 2006, 05:42 PM »
bin ich froh, dass ich euch gefunden habe! bin zwar aus polen aber trotzdem deutschsprachig.
danke fur die kritiken und liebe grusse!